Robert Pfaller: Genuss?

Der Biersepp war 2009 auch noch „Im Wein“ zugange, hat damals für das regionale Weinkomittee Kremstal ein Jahres-Magazin kreiiert, „anno:neun“ (Die Ausgabe2010 hieß es dann anno:zehn, usf.). Ein echter Glanzpunkt dieser Publikation war das Interview mit Österreichs bedeutendstem zeitgenössischen Philosophen, Robert Pfaller. Es ist, wie alle Pfaller-Texte, sehr lesenswert. Wir „recyclen“ es für BeerKeeper online.

Sauberkeit, Genuss und richtige Schweinerei

 im Gespräch mit Prof. Dr. Robert Pfaller

Genuss wird als Begriff zurzeit ziemlich inflationär gebraucht. Man gewinnt den Eindruck, dass es noch nie so viel um „Genuss“ gegangen ist, wie heute. Genusstipps boomen, zugleich wird Kontrolle immer wichtiger (Kontrolle des öffentlichen Raumes, der Gesundheit …). Es scheint also, als wäre nur der kontrollierte Genuss „gut“. Bleibt dabei nicht die Lust auf der Strecke?

Pfaller: „Genuss“ bedeutet in der Gegenwartskultur ausschließlich das, was unproblematisch lustvoll ist. So werden wir mit Wellness-, Gesundheits-, Luxus- und Bequemlichkeitsangeboten überhäuft. Zusätzlich versucht man für uns alles, was etwas problematischer erscheint, sorgsam zu entschärfen: darum treten immer mehr „Genüsse“ auf, denen man vorher die Zähne gezogen hat: Bier ohne Alkohol, Zigaretten mit wenig Nikotin, Kaffee ohne Koffein, Schlagobers ohne Fett etc.

Große Lust aber ist immer mit einem problematischen Element verbunden: zum Beispiel, wenn man einmal gegen die Prinzipien gesunder Ernährung verstößt und sich das gönnt, was man eine „richtige Schweinerei“ nennt. Auch feiern kann man immer nur mit Dingen, die entweder gesundheitsgefährdend, unvernünftig oder verschwenderisch teuer etc. sind. Nur mithilfe eines üblicherweise nicht lustvollen, eben problematischen Elements kann man die Ausnahmesituation einer Feierlichkeit als solche markieren und dann innerhalb dieser Situation triumphale Lust empfinden.

Erwachsenheit besteht darin, zur eigenen Vernunft ein erwachsenes Verhältnis zu unterhalten und zu wissen, in welchen Momenten man fröhlich auf sie pfeifen kann. Nur Kinder wollen, wenn sie Erwachsensein spielen, dauernd vernünftig sein. Die postmoderne Genuss-, Gesundheits- und Sauberkeitspropaganda versucht uns zu infantilisieren, indem sie alle Formen der Überschreitung als unvernünftig brandmarkt. Sie ist darum lustfeindlich.

Wo sehen Sie die gesellschaftlichen Ursachen derartiger Trends (zum „sauberen Genuss“)?

Pfaller: Seit den 60er Jahren haben Angehörige westlicher Gesellschaften begonnen, von ihrer Arbeit nicht nur ihre materielle Lebensgrundlage, sondern auch eine inhaltliche Erfüllung zu erwarten. Dementsprechend haben sie von da an ihre Befreiung und ihr Glück immer dort gesucht, wo sie meinten, ganz sie selbst sein zu können. Alle emanzipatorischen Bewegungen nach 1968 wie Neomarxismus, Feminismus, Alternativbewegung, Identitätspolitik bestanden darin, das Eigene, Subjektive dem Fremden, Objektiven vorzuziehen, das immer als fremdbestimmend und entfremdend wahrgenommen wurde. Wie Sigmund Freud gezeigt hat, wird innerhalb einer solchen Aufteilung das bevorzugte Eigene immer als rein, das Fremde dagegen immer als unrein bzw. schmutzig empfunden.
Nun ist aber in jeder Lust, die ihren Namen verdient, ein entfremdendes Moment enthalten. Alles, was wirklich Freude macht, bringt uns ein Stück weit über uns selbst hinaus. Darum erscheint die Lust sehr schnell schmutzig. Übrig bleiben dann nur noch Sauberkeiten, die den Namen des Genusses kaum noch verdienen.

Im Jazz haben sich mit großer Regelmäßigkeit kühle und heiße Stile abgewechselt – gibt es Ihrer Meinung nach auch solche Bewegungen in der Form sich am Leben zu erfreuen?

Pfaller:Die aktuellen lustfeindlichen Tendenzen als einen Stil zu bezeichnen, erscheint mir zu wohlwollend. Hier ist wohl eher Stillosigkeit auf Stil gefolgt. Ich glaube, die Kulturtheorie muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass es nicht in allen Epochen gleich viel „Kultur“ das heißt: „Fähigkeit zur Herstellung guten Lebens“ gibt. Verglichen mit den 70er Jahren leben wir heute in einer Epoche der Barbarei. Nicht nur Möglichkeiten zur politischen Mitbestimmung und zur Diskussion gesellschaftlicher Fragen haben sich drastisch reduziert, sondern auch der Zugang zu Lustmöglichkeiten ist für große Teile der Gesellschaft schwierig geworden.

Apropos Lebensfreude – hat „pure“ Lebensfreude noch Platz in unserer überkommunizierten Welt? Wird nicht viel mehr über Genuss geschrieben und gesprochen und gelesen als genossen?

Pfaller:Das Problem liegt darin: Nicht die – heute tatsächlich inflationär auftretenden – Lustangebote, sondern vielmehr die Fähigkeiten, die notwendig sind, um solche Angebote lustvoll wahrnehmen zu können, sind knapp geworden und haben sich zu den schmalen Eliten der Gesellschaft verlagert. Alle anderen Gruppen sitzen gleichsam zahnlos vor den fetten Happen, die ihnen in zunehmend höhnisch anmutender Weise von den Medien vor die Nase gehalten werden.

Robert Pfaller: Geboren in Wien, wo er auch heute lebt. Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz und an der Technischen Universität Wien. Internationale Beachtung fand Pfaller durch Interpassivität – Studien über delegiertes Genießen.
Für sein Buch Die Illusionen der anderen wurde Robert Pfaller der Preis The Missing Link verliehen. Psychoanalytische Seminar Zürich – Preis für Psychoanalyse und … (Damals) Zuletzt erschienen: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft: Symptome der Gegenwartskultur

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