Craft-Bier: Marktanteile? Echt??

Anfang Oktober veröffentlichte die PR-Plattform Mintel eine Marktanteils-Studie zu „Craft-Bier“. Sie zeigt erneut das craftige Dilemma auf: Einerseits treibt der Begriff die Branche, andererseits ist und bleibt Craft-Bier in Europa mengenmäßig un-greifbar.

Aus dem Originaltext der Veröffentlichung: „Eine neue Untersuchung von Mintel zeigt, dass bereits eines von acht (12 %) Bieren, die im Jahr 2014 in Deutschland auf den Markt gebracht wurden, als Craft-Bier bezeichnet werden konnte; im Jahr 2012 waren es lediglich 1 % der Biere. Und dieser Trend zum Craft-Bier wird sich fortsetzen – eines von fünf Bieren (18 %), die zwischen Januar und September 2015 auf den Markt kamen, fallen ebenfalls unter die Kategorie Craft.

Während die Deutschen schon immer Bier in seiner traditionellsten Form bevorzugt haben, scheint es nun als würden sie eine Vorliebe für Craft-Bier entwickeln. Beinahe ein Viertel (23 %) der deutschen Biertrinker hat in den vergangenen sechs Monaten Craft-Bier für den heimischen Eigenkonsum gekauft, während 16 % angeben, sie hätten es in Kneipen oder Restaurants getrunken.

Insgesamt ist der Bierkonsum in Deutschland beträchtlich; 9 % der deutschen Biertrinker geben an, dass sie täglich außerhalb von zu Hause Bier trinken, während ein Viertel (25 %) dies mehrmals pro Woche tut“.

Im Mintel-Beitrag geht es um Anteile bei den Neueinführungen, da Prozent-Zahlen genannt werden. Auch Markteinführungen sind, wenn sie anteilig gerechnet werden, Marktanteilszahlen. (Man könnte Markt-Zahlen ja auch als absolute Werte darstellen). Marktanteilszahlen sind vielschichtig es kommt auf den Bezug an. So können sich die Anteile auf den Gesamtmarkt beziehen, oder, wie in diesem Artikel, auf Neueinführungen. Entscheidend bleibt, welche Kriterien man anwendet um Anteile (also Prozentwerte) zu bestimmen.

Messbarkeit nur vorgegaukelt

Solche „Marktuntersuchungen“ sind gefährlich. Denn sie suggerieren die, leider tatsächlich nicht gegebene, Möglichkeit, Craft-Bier quantitativ zu erfassen. Zur Erinnerung: Craft-Bier ist ein willkürlich einsetzbarer Begriff. Man kann weder anhand der Brauerei-Größe, noch anhand der Eigentümerstruktur (Konzern? Private Person?) und schon gar nicht anhand von Bierstilen festmachen, ob ein Bier „Craft“ ist oder nicht. BeerKeeper hat nachgefragt. Wir wollten wissen, nach welchen Kriterien die „Marktforscher“ Craft-Bier definiert haben. Die Stellungnahme liest sich ernüchternd. (Hervorhebungen durch Fettdruck von BeerKeeper OM):

In Germany, and in Europe, craft beer as such doesn’t have an exact definition or classification, with ‚craft‘ being in part used as a marketing term. The US definition of craft brewer as ‘small, independent and traditional’, where ‘small’ means brewing less than 6 million US-barrels (7.15 million hectolitres) of beer a year, can’t be applicable in Germany where the vast majority of domestic breweries could qualify as ‘craft’ under these criteria.

At the moment, there is a growing discussion in many European markets as how to define craft beer. Very broadly spoken, the term ‚craft‘ is applied to the breweries which are brewing specialty beers or twists on mainstream varieties, favouring quality and flavour innovation above quantity. For my article, I used ’stout‘, ‚porter‘ and ‚ale‘ as key search criterias plus the word ‚craft‘ in the product name or description.

Jeder Bierstil kann Craft sein

Eine Untersuchung, welche die Marktanteile“angloamerikanischer Bierstile, in Deutschland gebraut“ liefert (tatsächlich ist das ja offensichtlich der Fall) könnte uns durchaus interessant und hilfreich vorkommen. Schade nur, dass eine solche „Studie“ sich selbst disqualifiziert, indem sie den Anspruch erhebt, Craft-Bier-Marktanteile zu liefern.

Tatsächlich kann jeder Bierstil Craft sein. Das ist eine allgemeine Lehrmeinung unter Fachleuten und wurde durch eine Untersuchung erhärtet, welche exakt vor einem Jahr (Veröffentlichung am 14.10.14) durch eine PR-Agentur im Auftrag der Freien Brauer unter den relevanten deutschsprachigen Bier-Bloggern durchgeführt wurde. Eine Frage lautete dort: „Wie sieht es mit klassischen Bierstilen aus – können auch die Craft Beer sein?“ Ja, sind sich alle Blogger einig. „Na klar kann auch ein klassischer Bierstil Craft sein.

Wo bleiben Wit, Blonde, Saison, Triple, und co?

Die zweite große Schwäche dieser Schau: Alle die wunderbaren Bierstile, die von vielen „crafty“ gesehen werden, so wie die oben genannten, die ihren Ursprung etwa in Belgien oder ganz allgemein im frankophonen Bereich haben, sind dabei auch nicht berücksichtigt, sofern sie von der Brauerei nicht ausdrücklich auch als CRAFT bezeichnet werden – und wer macht das schon? In Summe kann man wieder einmal sagen – es gibt inzwischen eine Fülle anerkannte Bierexperten – BeerKeeper, Biersommeliers, … warum ein Institut keine/n Bierexperten/in für das Design einer solchen Untersuchung beizieht wird uns ein Rätsel bleiben.

Der Biersepp 14.10.15

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Korrigieren wir den Titel der Grafik auf Neueinführungen angloamerikanischer Bierstile in Deutschland 2012 bis 2014, so kann man sie vielleicht bringen. Zur kompletten Studie geht es HIER.

Craft_beer_launches_PR_GER