Bier-Welt-Region – Groß denken, bitte!

Auch wenn ich hier ausnahmsweise einmal mit dem Wein beginne … es folgt ein Text, bei dem es um Bier geht. Und um die Wurst. (Letzteres allerdings nur im metaphorischen Sinne). Lenz Moser, Winzer, Visionär und kein Freund kleinkarierten Denkens hat in der Mitte des vorigen Jahrhunderts darum gekämpft, dass das Weinbaugebiet „Wachau“ die gesamte Weinbauregion an den österreichischen Ufern der Donau und ihren dortigen Nebenflüssen umfassen sollte. Seine, völlig richtige, Ansicht: Nur wenn wir die geballte weinige Kraft von Melk bis Carnuntum in die Waagschale des Welt-Weinmarktes werfen, können wir annähernd eine solche Bedeutung erreichen, wie sie damals schon etwa die Chianti oder Champagne hatten. Moser meinte: Nur wenn wir uns auf in einer (Marken-) Region versammeln, dann haben wir auch genügend Kraft, um eine solche Marke langfristig aufzubauen. Vor allem können wir nur dann genügend gute Weine unter einem solchen Siegel liefern. Es kam, wie wir wissen, anders. Kleingeister haben dafür gesorgt, dass das Weinbaugebiet Wachau schon vor den Toren ihrer Hauptstadt, dem schönen Krems, endet. Es gibt heute die Weinbaugebiete Kremstal, Kamptal, Wagram, Carnuntum, Traisental, Weinviertel … und keines davon ist (trotz exzellenter Qualitäten die überall dort gekeltert werden) groß genug, um wirklich Welt-Gewicht zu haben. Im Übrigen wurde die Chance ein solches, großes Erfolgsding zu schaffen, ein zweites Mal vertan. Als DAC (Districtus Austriae Controllatus) geschaffen wurde, hätte man sich an den guten alten Moser erinnern können und dem heimischen Weinbau einen vor Zukunft strotzenden Lenz bescheren … Erwartungsgemäß trug man in Österreich aber auch ein paar Jahrzehnte später noch kleines Karo.

Bier-Welt-Region Mühlviertel

Am 19. Jänner wurde die Bier-Welt-Region Mühlviertel vorgestellt. Es ist schon ganz beachtlich was in diesen, nicht nur landschaftlich wunderbaren Gefilden nördlich von Urfahr vor sich geht. Vor allem bierologisch hat sich viel getan. Schauen wir nach Sankt Martin im Mühlkreis. Peter Krammer, Bräu der Brauerei Hofstetten, der wohl ältesten Österreichs, denkt ganz jung und verkauft einen beträchtlichen Teil seines Ausstoßes in die USA (als ob die mit ihren inzwischen 4.000 Braustätten noch nicht genügend Biere herstellen würden). Aber einen Granitbock Ice haben sie halt doch nicht. In Prämonstratenser Kloster Schlägl entsteht ein feines Abteibier nach dem anderen und Köstlichkeiten, wie ein, natürlich himmlischer, Roggen-Doppelbock. In der Hopfenmetropole Neufelden steht die erste oberösterreichische Bio-Brauerei und Hannes Leitner, der begnadete Braumeister der Braucommune in Freistadt, schüttelt ein Erfolgsrezept nach dem anderen aus dem Ärmel. Wie im Vorübergehen meint er „heuer brauen wir einmal einen dunklen Bock“ und kaum ist der geschlüpft, wird ihm schon ein European Beer Star in Gold um den Mühlviertler Langhals gehängt. Irmgard und Werner Pürmayer, bislang als Hoteliers bekannt, schaffen mit der Brauboutique, die Ende Mai ihre Pforten öffnet, eine weitere, spannende Braustatt. Obendrein gibt es feine Mühlviertler Microbrews: Den Bratl Bräu (St Georgen am Walde), die Schlossbrauerei Weinberg (Kefermarkt), die Beer Buddies (Tragwein), das Leonfeldnerbier (Bad Leonfelden) und den Thor Bräu (Ottensheim). Alles schön und das Meiste auch gut … aber trotz Vielfalt und Engagement – ein kleines Fleckerl auf der Bier-Weltkarte. Selbst die Bezeichnung Bier-Welt-Region ändert daran nichts.

Minderwertigkeitsgefühle? Im Bier völlig unbegründet

Deshalb mein Appell: Hier könnte Bier endlich dem Wein zeigen, wo es lang geht. Die Stimmen, welche vom großen Vorsprung des Weines gegenüber dem Bier reden, werden zwar immer leiser, vor allem, seitdem das Wörtchen „Craft“ venusgleich dem Bierschaum entstiegen ist; jedoch herrschen hier und dort „Im Bier“ noch immer (völlig unbegründete) Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem edlen Rebensaft. Würde „Das Bier“ es jedoch schaffen, die Kleingeisterei zu überwinden und aus der Bier-Welt-Region Mühlviertel eine ebensolche zu schaffen, welche Österreichs Norden (also zumindest Innviertel, Mühlviertel und Waldviertel, womöglich auch noch Traunviertel und das Salzkammergut mit dem Brau-Juwel Schloss Eggenberg und etwa gar noch ein paar Salzburger Gaue) einzubeziehen, dann könnte man ohne übertriebenem Euphemismus von einer Welt-Region reden. Dann wäre die Bier-Welt-Region nicht nur eine Marketing-Floskel sondern genau das, was der Name aussagt

Die Qualität steht außer Frage

Die Qualität der (meisten) Mühlviertler Biere steht außer Frage. Der Pioniergeist einer Gruppe, die einst in der Mühlviertler Bierreise ihren Anfang genommen hat, ebenso. Jetzt müsste nur noch die Großzügigkeit hinzukommen (sie ist in den Protagonisten ganz gewiss angelegt) – und ein visionäres Denken, das nicht an Viertelgrenzen zaudernd Halt macht. Ähnliches gilt vielleicht auch für die beiden weiteren, potenziellen Partner der Bier-Welt-Region: Niederbayern und Südböhmen. Vielleicht sollte das (Nieder-) ebenso ausfallen wie das (Süd-) und man denkt wirtschaftlich groß und, so wie es der Name der Gruppe insinuiert, Weltmännisch. Eines ist ganz sicher: Dem Bierreisewilligen aus Massachusetts, Illinois oder Colorado sagt der Unterschied zwischen Inn- und Mühlviertel herzlich wenig. Und ich gestehe, nicht einmal ich als begeisterter Wahl-Bayer habe die Grenze zwischen Nieder und Oberbayern lückenlos im Kopf. Wenn ein solches von der EU gefördertes Modell schon dazu dienen soll, Grenzen zu überwinden, dann sollte das nicht nur für gerade zufällig gültige Staatsgrenzen gelten. Sondern auch für (ebenso willkürlich) gewählte Viertelgrenzen. Vor allem aber – für die Grenzen im Kopf.

Der Biersepp –Erstveröffentlichung am 21. Jänner 2016 im GENUSS-web

BILD: v.l. Siegfried Thumfart (Obmann des Vereins Mühlviertler Wirtshauskultur), Dr. Michael Strugl (Wirtschafts-Landesrat), KR Werner Pürmayer (Bergergut, Brauboutique), Mag. Sigrid Walch (GF der Mühlviertler Marken GmbH), Ewald Pöschko (GF Braucommune in Freistadt) (c) Land OÖ-Liedl

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